FLOSS in kommerziellen Umfeldern

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Präsentation

Inhalt

  1. Abgrenzung: Kommerziell vs. Proprietär
  2. Proprietäre und freie Software früher
  3. Kommerzieller Umgang mit freier Software aktuell
  4. Freie Software als Geschäftsmittelpunkt
  5. Negative Erfahrungen mit freier Software im kommerziellem Umfeld

0. Abgrenzung: Kommerziell vs. Proprietär

Kommerziell bezieht sich laut Duden[1] auf “geschäftlich”, den “Handel betreffend” und “auf Gewinn bedacht”. Die ersten beiden Definitionen sagen aus, dass kommerzielle Software im geschäftlichen Feld eingesetzt wird. Die letzte Definition suggeriert, dass hinter einem kommerziellem Produkt ein Unternehmen steht, welches dieses Produkt anbietet, vermarktet und Service anbietet, um ihren Gewinn dabei zu maximieren. Beide Möglichkeiten schließen sich nicht aus, bedingen sich aber auch nicht gegenseitig.

Proprietär kommt aus dem lateinischen “im Eigentum befindlich”. Juristisch kann man diesen Begriff mit “urheberrechtlich geschützt” vergleichen, sodass ein proprietäres Produkt demjenigen Eigentümer gehört. Dieser besitzt im Zweifel alle Rechte an dem Produkt, solange sie nicht über Verträge und Lizenzen abgetreten werden [2]. Ein einfaches Copyright zählt man nicht zu proprietärer Software, da dann per Definition sämtliche Software (auf Deutschland bezogen) proprietär wäre. Vielmehr geht es um Nutzungsbedingungen, die durch Lizenzen eingeschränkt oder verboten werden können. Das Ziel von proprietären Lizenzen ist es meist, die Weitergabe zu beschränken und die Nutzung exklusiv zu gestalten. Dazu gehört auch die Verschlossenheit von Quelltext.

Die meiste (oftmals durch Marketing verstärkt wahrgenommene) kommerzielle Software ist oftmals proprietär, allerdings bedingen sich beide Arten nicht gegenseitig: Es ist wichtig zu verdeutlichen, dass es auch freie (also nicht proprietäre) Software gibt, die für einen kommerziellen Einsatz gedacht und konzipiert ist [I Z.202 ff.]. Wiederum kann hinter dieser freien Software ein Unternehmen stehen, das beispielsweise Wartungsverträge mit Kunden schließt. Damit lässt sich der kommerzielle Faktor einerseits in dem Einsatz der Software selber, aber auch in Wartung, Pflege und Weiterentwicklung der Software finden [3].

1. Proprietäre und freie Software früher

Bis ca. 1975 gab es fast ausschließlich “Freie Software”. Es gab, bis auf Ausnahmen, keine Lizenzen auf Software, da Programme hauptsächlich für die Forschung und große, spezialisierte Anwendungen erstellt wurde. Man musste entweder Quelltext eigenständig schreiben oder versuchen fertige Komponenten von anderen mit einzubeziehen. Deshalb wurde häufig Software geteilt und kopiert. Man stellte die Software unter keine Lizenz, da man die Verbreitung nicht verhindern wollte. Zusätzlich gab es kein Copyright auf Software. Dementsprechend waren alle Softwarekomponenten unter der “Public Domain” (auch dies war zu der Zeit noch kein Begriff) gestellt und es war gar keine Kommerzialisierung von Software möglich (in den USA). Die “Commission on New Technological Uses of Copyrighted Works” (CONTU) setzte sich für ein Copyright von Quelltext ein, sodass jede Software unter eine Lizenz gestellt werden konnte. Nach weiteren Gerichtsverfahren (v.a. Apple v. Franklin 1984) konnte auch Bytecode und Betriebssysteme unter Copyright gestellt werden. Dies sind die Grundlagen proprietäre Software zu verkaufen [4].

Mit Einzug des Computers in private Haushalte wurde fertige Software für die breite Bevölkerung interessanter, sodass Softwareunternehmen ihre Produkte als Binaries verkauften, da nicht jeder Nutzer in der Lage war, selbst Programme zu kompilieren und einzurichten. Der Trend ging von freier zu proprietärer Software. Für die meisten Nutzer war einer der Gründe wahrscheinlich einfach die Bequemlichkeit. Eine fertige Software zu nutzen ist für den “normalen Nutzer” anwendungsfreundlicher, da der Aufwand gegen Null geht. Auch Unternehmen setzen fertige, proprietäre Softwarelösungen vermehrt ein, da dort meist die Unterstützung und die anfängliche Innovation größer war. Zwei auftretende Effekte dabei:

Ein interessanter Fakt: 1976 schrieb Bill Gates einen öffentlichen Brief, in dem er beklagt, dass nicht einmal 10% aller Altair BASIC Nutzer, diese Software gekauft haben und er es unfair findet, kein Verdienst für die geleistete Arbeit zu bekommen [6].

Es gibt verschiedenste Gründe zum Vertrieb von proprietärer Software. Für Unternehmen können weit führende Aspekte ausschlaggebend sein, keine freie Software zu entwickeln und verkaufen: [7]

Es gibt wahrscheinlich noch viel mehr Gründe um Software nicht zu veröffentlichen. Allerdings haben viele mit der Angst und Herausforderungen zu tun, die Hürde zu freier Software zu nehmen. Sich die fast schon philosophische Stellung des GNU-Projektes zu diesem Thema anzugucken ist sehr empfehlenswert![8] Viele der Gründe sind auch nicht klar nachvollziehbar, da auch diese Begründungen wage formuliert sind. Allerdings ist mir der erste genannte Punkt, dass die Konkurrenz Gewinne aus der eigenen Arbeit zieht, schon öfters vorgekommen und ich empfinde ihn auch als stärkstes Gegenargument gegen freie Software. Reiter meinst dazu, dass man “einerseits eine stark schützende Lizenz nehmen kann” und man als Originalautor immer eine bessere Marketingposition habe. Man solle lieber mit der Konkurrenz im Bezug auf Kunden besser kooperieren als sich gegenseitig dort etwas wegzunehmen [vgl. I Z. 237 ff.]. Weitere Punkte verweisen oft auf den finanziellen Aspekt von freier Software. Es schließt sich allerdings nicht aus Geld mit freier Software zu verdienen – ob im kommerziellem Umfeld oder nicht. Dieser ebenfalls weitverbreitete Zweifel ist jedoch unbegründet (weiteres s. Kap. 3). Selbst das GNU-Projekt fordert dazu auf, jede Möglichkeit zu nutzen, um mit freier Software Geld zu verdienen: “Distributing free software is an opportunity to raise funds for development. Don’t waste it!” [9]

Um dies weiterzutreiben wurde sogar “das Modell ‘Open Source’ als feindlich betrachtet” [I Z. 102]. Die ersten der sogenannten Halloween Dokumente sind am 1. November 1998 öffentlich gewordene Reports von Microsoft zu freier Software und Linux. Sie enthalten Strategien gegen Open Source vorzugehen. Das erste von elf Dokumenten beinhaltet vor allem eine detaillierte Analyse der Situation rund um Open Source Software. Einige der von E. S. Raymond zusammengetragenden Hauptpunkte sind folgende [10]:

Man erkennt die Angst von Microsoft, gegen OSS konkurrieren zu müssen. Es wurde versucht die “Fear, Uncertainty and Doubt” (FUD) Methode anzuwenden, die übersetzt so viel bedeutet wie “Furcht, Ungewissheit und Zweifel”. Damit wird versucht dem Kunden Angst vor Produkten eines Konkurrenten zu machen und sie dazu zu bewegen, bei einem selbst Kunde zu bleiben, da man sich als besser und vertrauenswüdiger darstellte. Ein Versuch davon ist Microsoft nicht gelungen und hat im Endeffekt sogar Werbung für Linux gemacht [I Z.89 ff.]. Dies hat auch Raymond als ein wichtigen Punkt dem ersten Halloween Dokument entnommen: “OSS is long-term credible […] FUD tactics can not be used to combat it.” [10] Zudem muss Microsoft sogar eingestehen, dass sie teils mit Open Source Komponenten so erfolgreich geworden sind, da sie als Beispiel einen freien TCP/IP-Stack in Windows verbaut hatten, der ein essentieller Bestandteil neuer Kommunikation ist [I Z. 87 ff.].

Nichts desto trotz gab es neben der proprietären Software viele freie Software, die professionell eingesetzt wurde. Neben dem Apache Webserver und GNU/Linux, gab es weitere freie Software und Befürworter, freie Software zu verbreiten. Im November 1998 hat sich “The QT Company” dazu entschlossen ihre Arbeit unter der QPL (gefolgt von GPL, aktuell GPLv3) zu veröffentlichen und gleichzeitig einen Business-Bereich zu erhalten, der QT ohne Copyleft verkauft, um QT in proprietären Produkten einzusetzen [11]. Im Anschluss daran wurde am 22. Januar 1998 verkündet, den Quelltext des Netscape Communicator offenzulegen [12]. Aus dieser Aktion heraus entstand die Open Source Initiative, die sich einsetzt, den Begriff “Open Source” (der äquivalent zu freier Software existiert [13]) auch im kommerziellen Umfeld zu verbreiten. Zudem liegt ein starker Fokus auf der Aufklärung rund um freie Software, um Vorurteile und Hemmnisse abzubauen.

Dass es ein großes Einsatzgebiet von freier Software gab, zeigt eine Untersuchung von Herrn Reiter: Die stark schützende GNU GPL ist die am weit verbreiteste Einzellizenz auf der (damals) repräsentativen Open Source Plattform “Sourceforge” war. Ebenso seien immer schon wichtige Komponenten mit einer stark schützenden Lizenz versehen, sodass es einen guten Ausgleich zwischen freier und proprietärer Software gegeben hat [I Z. 136 ff.].

2. Kommerzieller Umgang mit freier Software aktuell

Nachdem Microsoft, Apple und weitere Unternehmen für ein Copyright für Software und dessen Durchsetzung gekämpft haben, sieht die Akzeptanz freier Software dieser Unternehmen aktuell doch zumeist wesentlich anders aus:

Auch Facebook nutzt Open Source Software, sowie Facebook selber zahlreiche Projekte ins Leben gerufen hat, die meist aus der bei Facebook entwickelten Software entstanden sind. Dabei stellt sich die Frage, weshalb Facebook seine Tore öffnet und den Code freigibt, der maßgeblich zu dem Unternehmenserfolg beigetragen hat. Dieses müsse eigentlich negative Auswirkung haben, da Konkurrenten nun mit den selben (möglicherweise besseren) Technologien arbeiten können. Tom Occhino (Lead software engineer bei Facebook) meint dazu: “The technology we have isn’t our competitive advantage, our advantage is the thing that we built.” [17]

Ebenfalls arbeitet Apple mit Open Source: Darwin, der Kernel von OS X, ist frei zugänglich. Zudem steht Apple hinter Software wie Webkit, Swift und weiteren meist für das Apple-Umfeld entwickelte Tools. Aber auch hier liegt der Kern in der proprietären Software: “Analogous to a car, the engine and wheels are open source and free but the car frame and all other features are not.” [18]

Genau diese Features, und eben nicht die Basistechnologien wie der Darwin-Kernel oder die veröffentlichte Software von Facebook, sind das Ausschlaggebende für ein Produkt. Vielmehr sind die Produkte, die aus der offenen Software entstanden sind, das eigentliche Ziel erfolgreich zu sein. Gleichermaßen hält Microsoft den Windows-Sourcecode geschlossen (oder doch nicht? [19]), Google gibt die eigentliche Suche und genutzten Algorithmen nicht frei, sowie Facebook den Code der Facebook-Webseite nicht veröffentlicht. Diese Betriebsgeheimnisse ergeben schlussendlich doch die Marktmacht dieser Unternehmen.

Allerdings müssen alle Unternehmen, ob groß oder klein, den Vorteil von freier Software eingestehen. Es sind meist freie Software Komponenten, die Erfolge von Unternehmen ausmachen. Das oben genannte Zitat von Apple, sagt dies implizit aus: Ohne einen Open Source Kernel, würde die ganze Softwareumgebung um OS X nicht funktionieren. Auf die Halloween Dokumente bezogen, in denen Microsoft sich gegen freie Software positionieren wollte, meint Reiter: “Das Microsoft sich dort nun beteiligt zeigt, dass sie verstanden haben, dass sie sonst weiter zurückfallen würden gegenüber Google zum Beispiel […].” [I Z. 161 ff.]

Nun stellt sich die Frage, weshalb die Unternehmen Interesse daran haben, Code von freier Software pflegen zu müssen, ihn für die Community aufzubereiten und mit der Community zu interagieren - in allen Fällen kostet dies Zeit und Aufwand, welcher aber nicht zur Gewinnmaximierung des Unternehmen beiträgt. Die Gründe hierfür kann man nur erahnen, aber es muss auf jeden Fall einen positiven Aspekt haben. Denn wenn die Arbeit mit freier Software in der Summe negativ ausfällt, würde kein Unternehmen diesen Weg gehen. Die vier betrachteten Unternehmen halten sich alle sehr gedeckt mit Informationen über ihre Motivation, die Community mit einzubeziehen. Ein beispielhafter Grund ist recht offensichtlich: In der Community wird freiwillige Arbeit für das jeweilige Projekt geleistet. Testen, Dokumentation schreiben, Bugs finden. All diese Aufgaben müssen nicht von Mitarbeitern erledigt werden, sodass diese Beiträge dem Unternehmen als kostenfreie Arbeitsleistung zur Verfügung steht. Als eine Art Gegenleistung bekommt die Community Zugriff auf neuste Entwicklungen und kann bewährte Technologien weiter einsetzen. Auch kann man erwarten, dass die freie Software einen langen Lebenszeitraum hat, in der die Software zumindest gewartet wird. Damit können Innovationen gefördert werden, sowie eine digitale Weiterentwicklung stattfinden.

Schaut man sich die folgenden Beispiele an, fällt auf, dass jedes veröffentlichte Projekt aus Unternehmen keine Freiheit schützenden Lizenzen verwendet:

Weshalb Lizenzen ohne Copyleft verwendet werden sollte eindeutig sein: Falls man eine Copyleft-Lizenz verwenden würde, müssten wiederum alle Projekte freigegeben werden, die diese Software nutzen. Folglich müssten alle “Betriebsgeheimnisse” veröffentlicht werden und dies ist nicht im Sinne der Unternehmen, denn nur freie Software ohne (oder mit schwachem) Schutz kann in proprietärer Software eingesetzt werden. Es wird klar, weshalb heutzutage nicht schützende Lizenzen und Software recht prominent vertreten sind. Auf meine Frage, ob dies trotzdem gut für die Freie-Software-Kultur ist, meint Reiter: “Ja, ich denke, dass die gesamte Gesellschaft profitiert, wenn mehr freie Software benutzt wird.” [I. Z. 166 f.].

3. Freie Software als Geschäftsmittelpunkt

“Distributing free software is an opportunity to raise funds for development. Don’t waste it!” [7a]

Wie eingangs erwähnt, wird freie Software nicht nur als Bausteine von Unternehmen freigegeben, um die Einbringung und positive Effekte der Community zu nutzen. Es gibt Unternehmen, wie die Intevation GmbH, in der Herr Reiter mit Geschäftsleiter ist, die ihr Geschäftsmittelpunkt ausschließlich auf freie Software ausgerichtet haben. Dies bedeutet, dass jeder Umsatz aus freier Software generiert wird, Personal und weitere Kosten davon gedeckt werden und man zugleich erfolgreich auf dem Softwaremarkt gegen andere Unternehmen um Kunden konkurrieren muss.

Die erste Reaktion von potentiellen Kunden ist meist ein argwöhnischer Blick und die Frage, wie man damit denn Geld verdienen könne (Dies ist mir schon öfters vorgekommen). Allerdings beruht dies auf fehlender Aufklärung zu freier Software. Der Bereich der Geschäftsmodelle ist bei freier Software sehr vielfältig. Einerseits kann man durch Expertenwissen in dem Unternehmen als “Profis” für die Software diese leicht erweitern und anpassen. Zudem sind vor allem kundenspezifische Anpassungen, z.B. im Layout und Branding, durch die Freiheiten der freien Software einfach möglich. Aus der freien Software heraus können Dienstleistungsprodukte erstellt werden, wie beispielsweise Hosting der Produkte als SaaS. Zusätzliche Supportleistungen und Pflege der Software können vereinbart werden. [I Z. 211 ff.] Als gesamtes Bild entspricht dies den Dienstleistungen, die ebenfalls von einem Unternehmen, welches seine proprietäre Software vertreiben will, erbracht werden muss.

Dementsprechend schätzt Reiter das unternehmerische Risiko, sich auf freie Software zu spezialisieren, gleichwertig zu anderen Unternehmen ein. [I Z. 188 ff.] Die Arbeit mit freier Software bringt viele Vorteilemit sich, denn man kann partnerschaftlich mit seinen Kunden agieren. Anstatt sich, als Unternehmen, mit einem Produkt zu identifizieren, steht der Kunde im Vordergrund. Dies ist einer der wichtigsten Unterschiede, die Reiter nennt: “Ich glaube jedem Unternehmen tut es gut auf gleicher Höhe mit dem Kunden zu reden, egal was das Unternehmen macht.” [I Z. 311 f.] Damit werde das Informationsgefälle zwischen Entwicklern und Kunden, welches bei Software meist recht hoch ist, überwunden. Man könne sich gegenseitig unterstützen und Sachverhalte besser klären, sodass beide Seiten davon profitieren. Oft lasse man allein den Kunden entscheiden, damit er eine gute Entscheidung fälle [vgl. I Z. 322 ff.].

Die Entscheidung zu freier Software stößt bei manchen Kunden auch auf Ablehnung. Reiter: “Schlussendlich kommt man dann mit denen nicht ins Geschäft. Manchmal geht die Abneigung sogar soweit, dass ich dann aus anderen Quellen hintenherum erfahre, dass der Kunde das Produkt sehr, sehr gut gebrauchen könnte.” [I Z. 252 ff.] Falls Kunden aus Unwissenheit oder anderen Gründen nicht auf ihre Freiheiten bestehen möchten, muss man dies akzeptieren. Für Reiter ist es wichtiger, freier Software voranzutreiben, als für diese Kunden proprietäre Software zu entwickeln.

Ein weiterer Vorteil ist die Sicherheit von freier Software. Um Software einem Security Audit zu unterziehen, muss man den Quelltext freigeben. Allerdings ist dies nicht genug, um der Software eine ernsthafte Überprüfung zu unterziehen. Es gehört zu einer Überprüfung dazu, Quelltext an einigen Stellen zu verändern und ihn neu kompilieren zu dürfen. Die vier Freiheiten freier Software erlauben genau dies zu tun. Sicherheitsüberprüfungen sind wesentlich einfacher durchzuführen und erlauben mehr Transparenz dem Kunden und der Community gegenüber.

Ein Finanzierungsproblem gibt es trotzdem, wenn dort kein Unternehmen für eine finanzielle Entlohnung der Entwickler sorgt. Reiter kritisiert, dass es Leute gebe, die Leistungen von Anderen großartig fänden, nutzen und daraus profitieren, aber nicht bereit wären diese Arbeit zu entlohnen.[vgl. I Z. 297 ff.] Damit ein Markt mit freier Software funktioniert, muss es für die Leistungen der Entwickler eine entsprechende Belohnung geben. Diese faire finanzielle Belohnung wird allerdings erst von wenigen praktiziert. Reiter ergänzt, dass 1% des Jahresumsatzes der Intevation GmbH an freie Software gespendet wird. Die dafür ausgewählten Projekte sind diejenigen, die der Intevation zu dem Umsatz geholfen haben, wie z.B. Webserver, Betriebssysteme, aber auch Anwendungskomponenten, Frameworks und Organisationen wie die FSF. Diese Finanzierungen helfen dabei, Projekte über Jahre hinweg aufrecht zu erhalten und so zu unterstützen, dass sie neben Pflege und Wartung aktiv weiterentwickelt werden. Für Unternehmen aber auch Privatpersonen kann man eine andere Faustregel anwenden: Man bezahlt 10% dessen, was eine proprietäre Lizenz eines vergleichbaren Produktes kostet.

Den (potentiellen) Kunden gegenüber wünscht sich Reiter neben einer faireren Entlohnung mehr Aufklärung. Als Kunde sollte man auf seine Freiheiten bestehen und diese nutzen: “Man kann den Kunden nur sagen ‘Verlangt mehr freie Software’” [I Z. 406].

4. Negative Erfahrungen mit freier Software im kommerziellem Umfeld

Um die Hauptaussage vorwegzunehmen: Nein, im Großen und Ganzen gibt es wenig negative Erfahrungen. Dies liegt vor allem an den Freiheiten der Software. Die damit verbundenen Mechanismen, hauptsächlich die Freiheiten, freie Software zu kopieren und modifizierte Versionen anzubieten, funktionieren gut. Prominent sind Softwareprodukte der Firma Oracle. Nachdem Aufkauf von Sun Microsystems und den Produkten MySQL und Open Office, wurde die öffentliche Entwicklung beider Produkte nicht vorangetrieben. Dies führte durch die Größe der Community und Verbreitung der Software zur Abspaltung in einerseits MariaDB [20, 21] und in LibreOffice [22].

Die einzig deutlich zu verbessernde Situation findet sich im Bereich von hardwarenaher Software. Dies ist meist eine Folge proprietärer Treiber, weil viel der Hardware proprietär geschützt ist. Damit kommt es immer wieder zu Lizenzinkompabilität, z.B. im Linux Kernel. Diese Probleme betreffen im kommerziellen Feld auch immer wieder Serverbetreiber und Anbieter rechenstarker Hardware. Andererseits gibt es viele “No-Name-Hersteller”, die hauptsächlich im Embedded-Bereich eine Linuxvariante für deren Geräte nutzen, aber die Software nicht freigeben und somit gegen die Lizenz des Linux Kernels verstoßen. Hier könnte man sich ein bisschen mehr Transparenz wünschen. Dies betrifft aber nicht nur den massenhaften IoT-Markt aus Asien, sondern auch große Hersteller in Europa und den USA. 2011 klagte AVM gegen Cybits, die eine modifizierte Firmware für die von AVM vertriebene FRITZ!Box verkaufen. Da allerdings der Linuxkernel für die FRITZ!Box benutzt wird, verlor AVM den Streit vor dem Landgericht Berlin, da die (damals genutzte) GPLv2 Cybits alle Freiheiten zugesteht, sodass es erlaubt ist, Änderungen an der Firmware vorzunehmen [23]. Auch Tesla bemüht sich seit Jahren der Geheimhaltung um eine Einhaltung der GPL des von Tesla genutzten Linuxkernels. Allerdings bemängelt die Software Freedom Conservancy, dass noch nicht alle Teile offengelegt sind [24]. Diese Beispiele verdeutlichen, dass hier noch viel Arbeit für freie Software geleistet werden muss.

Trotzdem lässt sich der Umgang mit freier Software und innerhalb der Communities als sehr respektvoll beschreiben. Mit einer fairen Entlohnung und einer fortschreitenden Aufklärung von Unternehmen, Kunden und Endverbrauchern, wird der Anteil freier Software auch in Zukunft wachsen und weiterhin für den kommerziellen Gebrauch eine gute Alternative zu proprietärer Software darstellen.

Quellen:

[I] (Interview mit Bernhard E. Reiter.)[interview.md]

[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/kommerziell (11.05.2018)

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Propriet%C3%A4r (11.05.2018)

[3] Categories of free and non free Software https://www.gnu.org/philosophy/categories.en.html (11.05.2018)

[4] Apple Computer, Inc. v. Franklin Computer Corporation Puts the Byte Back into Copyright Protection for Computer Programs https://digitalcommons.law.ggu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1344&context=ggulrev (12.05.2018)

[5] What is free software? https://www.gnu.org/philosophy/free-sw.en.html

[6] Open Letter to Hobbyists https://en.wikipedia.org/wiki/Open_Letter_to_Hobbyists (12.05.2018)

[7] What are good reasons to keep a project closed source?

https://www.quora.com/What-are-good-reasons-for-keeping-a-project-closed-source (11.05.2018)

[8] The GNU Manifesto https://www.gnu.org/gnu/manifesto.en.html#rebutted-objections (11.05.2018)

[9] Selling Free Software https://www.gnu.org/philosophy/selling.en.html (11.05.2018)

[10] Halloween Document I (Version 1.14) https://www.gnu.org/software/fsfe/projects/ms-vs-eu/halloween1.html (12.05.2018)

[11] Brian Aker asks Richard Stallman about MySQL and the GPL at foss.my 2009 (0:45-1:05) https://www.youtube.com/watch?v=lrVayqOHbZw (12.05.2018)

[12] NETSCAPE ANNOUNCES PLANS TO MAKE NEXT-GENERATION COMMUNICATOR SOURCE CODE AVAILABLE FREE ON THE NET https://web.archive.org/web/20021001071727/http://wp.netscape.com:80/newsref/pr/newsrelease558.html (12.05.2018)

[13] OSI FAQ https://opensource.org/faq#free-software (19.05.2018)

[14] https://github.com/Microsoft (12.05.2018)

[15] https://opensource.google.com/ (12.05.2018)

[16] https://developer.apple.com/opensource/ (12.05.2018)

[17] Why Facebook keeps giving technology it invented away for free http://www.businessinsider.com/why-facebook-does-open-source-2015-3?IR=T (12.05.2016)

[18] Apple releases macOS 10.12 Sierra open source Darwin code https://9to5mac.com/2016/11/24/apple-releases-macos-10-12-sierra-open-source-darwin-code/#comment-3019022476 (12.05.2018)

[19] Microsoft: Windows 10 wird Open Source https://t3n.de/news/microsoft-windows-10-open-source-811243/ (12.05.2018)

[20] Entwickler beklagen Oracles Community-Praxis https://www.golem.de/news/mysql-entwickler-bemaengeln-oracles-community-praxis-1208-93953.html (21.05.2018)

[21] Freie und kommerzielle MySQL-Version driften weit auseinander http://www.pro-linux.de/news/1/17505/freie-und-kommerzielle-mysql-version-driften-weiter-auseinander.html (21.05.2018)

[22] Aus OpenOffice.org wird LibreOffice https://www.golem.de/1009/78259.html (21.05.2018)

[23] AVM vs. Cybits: the case so far https://fsfe.org/activities/ftf/avm-gpl-violation.en.html (25.05.2018)

[24] Congratulations to Tesla on Their First Public Step Toward GPL Compliance https://sfconservancy.org/blog/2018/may/18/tesla-incomplete-ccs/ (25.05.2018)